Alfons Görgemanns


Beginn – Eintritt in die SPD

Mitte der 60er Jahre trafen wir uns in Süchteln regelmäßig mit mehreren Freunden, junge Facharbeiter, Angestellte und Studenten zu einer Art Stammtisch. Die politische Atmosphäre – Studentenproteste und vor allem der Vietnamkrieg führten bei uns zu intensiven Diskussionen über unsere politischen Vorstellungen.

Am Ende unserer Diskussionen hatten wir immer den Sozialismus erfunden und wussten genau was wir wollten. Dann gingen jeder für sich nachhause und es passierte nichts. Das war auf Dauer sehr unbefriedigend. Irgendwann wurde uns klar, dass man zum Umsetzen von Ideen Organisation braucht. Wenn wir was erreichen wollten, mussten wir uns zusammen tun, Ziele konkret beschreiben, Formen der Zusammenarbeit festlegen usw.

Das gab es aber alles schon. Die SPD war zwar die älteste deutsche Partei aber mit Abstand die frischeste. Künstler und Intellektuelle sammelten sich in der SPD und unterstützten die Politik Willy Brandts.

Willy Brandt, seit 1969 Bundeskanzler, Friedensnobelpreisträger, war mit seiner Vita und seinen Ansichten ein Mann den ich unterstützen wollte. Seine demokratische Einstellung, sein Kampf gegen die Rechten begeisterten mich. Seine Ostpolitik entsprach genau dem was ich ebenfalls so empfand. Als sich abzeichnete mit welchen Mitteln CDU/CSU versuchten Willy Brandt persönlich zu verunglimpfen um diese Politik zu verhindern und die sozialliberale Koalition und die Regierung Brandt zu stürzen, war der Moment gekommen, die bis dahin ausschließlich moralische Unterstützung durch praktische Arbeit als SPD-Mitglied im Wahlkampf zu unterstützen. Ich trat 1972 in die SPD ein. Auf meinem politischen Weg habe ich immer wieder Freunde kennengelernt die zur gleichen Zeit mit den gleichen Motiven den Weg in die SPD gefunden haben. Die Figur Willy Brandt hat viele und auch mich sehr nachhaltig geprägt. Trotz vieler beeindruckender Politikerinnen und Politiker die ich kennenlernte – Jochen Vogel, Herbert Wehner, Carlo Schmidt, Johannes Rau, Helmut Schmidt - Willy Brandt war die entscheidende Person.

Funktionär und Mandatsträger

Als junges Parteimitglied erhielt ich Einladungen zu den regelmäßigen Juso-Sitzungen und zu SPD Mitgliederversammlungen. Es interessierte mich. Ich ging immer hin. Nach relativ kurzer Zeit galt ich als zuverlässig und wurde aufgefordert als Vorsitzender zu kandidieren. Ich wurde gewählt und musste mich dann mit politischen Vorstellungen aus Studentenkreisen herumschlagen, die mit den Menschen in Viersen nicht so viel zu tun hatten.

Ich wurde in den Ortsvereinsvorstand und später in den Kreisvorstand gewählt. 1979 wurde ich in den Rat der Stadt gewählt, 1984 zum stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden und  1989 zum Fraktionsvorsitzenden. Diese Aufgabe habe ich noch. Seit 2004 bin ich auch Mitglied im Kreistag. 1999 stellte mich der Ortsverein Viersen als Kandidat für das Amt des Bürgermeisters auf. In, für die SPD schwieriger Zeit, wurde ich nicht gewählt. 2004 wurde Günter Thönnessen als erster Sozialdemokrat zum Bürgermeister gewählt. Für die nächsten Jahre erklärte ich mich bereit den Vorsitz der Viersener SPD zu übernehmen. Nach einer Wiederwahl schafften wir es 2009 ein relativ gutes Wahlergebnis zu erreichen. Danach gab ich den Staffelstab an Michael Lambertz weiter.

Gewerkschafter und Sozialdemokrat

Paul Kratz, Mitglied des Bundestages und IG-Metall Bevollmächtigter forderte mich 1972, als das neue Betriebsverfassungsgesetz in Kraft trat, auf, erstens Mitglied der IG Metall zu werden und zweitens für den Betriebsrat bei meinem Arbeitgeber, einem Mercedes-Vertragspartner, zu kandidieren. Ich folgte seinem Rat und wurde zunächst  von meinen Kolleginnen und Kollegen zum stellvertretenden Mitglied gewählt. Bei der nächsten Wahl 1975, der Partnerbetrieb war zwischenzeitlich von der Daimler-Benz AG übernommen und eine Mercedes-Werksniederlassung geworden, wurde ich in den Betriebsrat und gleich zum Vorsitzenden gewählt. Bei meinem Arbeitgeber, der Daimler-Benz AG waren damals über 200.000 Menschen in 11 Werken und 40 Niederlassungen beschäftigt. Das größte Werk Sindelfingen hatte knapp 35.000 Mitarbeiter. Die Niederlassung Mönchengladbach/Krefeld hatte damals knapp über 100 Mitarbeiter. Wir waren eine der kleinsten Organisationseinheiten. Nach 10 Jahren Betriebsratsarbeit vor Ort wurde ich trotzdem mit Aufgaben im Gesamtbetriebsrat beauftragt.

Die Betriebsratsorganisation bei Daimler-Benz ist so geregelt, dass die 40 Niederlassungen 5 Mitglieder in den Gesamtbetriebsrat entsenden und die Werke jeweils 2 Mitglieder. 1985 wurde ich in einem mehrstufigen Wahlverfahren als einer der 5 Ndl.-Kollegen und als Sprecher für die 18.000 Mitarbeiter der Niederlassungen in den Gesamtbetriebsrat gewählt.  Unsere Arbeit wurde als so gut angesehen, dass ich 1994 zum stellvertretenden Vorsitzenden des Gesamtbetriebsrats gewählt wurde. Aus einer der kleinsten Niederlassungen in eine der wichtigsten Funktionen der Arbeitnehmervertretung. Das hatte es noch nie gegeben und ich habe mich darüber sehr gefreut. Der Grund lag in der guten Zusammenarbeit zwischen den Gremienmitgliedern. Der Grund dafür lag wiederum darin, dass wir alle überzeugte Sozialdemokraten waren. Wir tickten im gleichen Rhythmus. Über lange Zeit war ich während der schweren Erkrankung des Vorsitzenden, Karl Feuerstein, amtierender Vorsitzender. Später erfolgte auch die Wahl zum stellvertretenden Vorsitzenden des Konzernbetriebsrats und des europäischen Betriebsrats.

Der Gesamtbetriebsrat kann mit Stolz behaupten, dass in Zusammenarbeit mit der IG Metall bei Daimler sozialpolitische Meilensteine gesetzt wurden. Viele im Weg von Verhandlungen aber auch in heftigen Auseinandersetzungen bei Streiks. Ein sozialpolitisches Highlight war der Streit um die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Wir haben damals fast im Alleingang die Arbeitgeber und die Regierung Kohl in die Knie gezwungen. Es waren, auch für mich persönlich, 27 politisch erfolgreiche Jahre. Ende 2003 schloss ich mein Berufsleben mit dem Eintritt in den Vorruhestand ab.

Dabei war die spätere, teilweise heftige, Auseinandersetzung zwischen organisierter Arbeitnehmerschaft, Gewerkschaften, und der SPD für mich sehr aufreibend. Schon alleine deshalb, weil offizielle Stellungnahmen sich teilweise deutlich von internen unterschieden. Das machte es allerdings für mich in vielen Fällen eher erträglich den Streit zu ertragen.

Ich habe großartige Menschen kennengelernt – auch Unternehmer - mit Einstellungen die man hinter ihrem öffentlichen Bild nicht vermutet hätte und ich habe menschenverachtend tätige Unternehmer ertragen müssen. Ich habe mich mit Blendern herumschlagen müssen – von mir als Oberflächenvergrößerer bezeichnet. Zwischen Anspruch und Realität gibt es da oft größere Differenzen. Aber man bekommt ein Gefühl dafür, wem es mit seiner Sache ernst ist und wem es nur um Karriereträume und persönlichen Nutzen geht. Ich haben großartige Gewerkschafter und Sozialdemokraten kennengelernt die im Widerstand gegen die Nazis ihre Freiheit und ihr Leben riskiert haben. Bekannte und unbekannte. Auf der Gewerkschaftsebene und bei Sozialdemokraten. Auch vor Ort in Stadt und Kreis Viersen und darüber hinaus landesweit. Sie haben mich nachhaltig geprägt. Ihre Botschaft will ich bewahren und weitergeben.